Türkentaube, Streptopelia decaocto, Eurasian Collared Dove, Halle, Stadtvogelkartierung, Ornithologischer Verein Halle
Türkentaube, ♂♀ Apollensdorf (WB), April 2008, T. Stenzel

Verbreitung der Türkentaube in Halle und Saalkreis 1983-1986
Verbreitung der Türkentaube in Halle und Saalkreis als Ergebnis der Feinrasterkartierung 1983 - 1986

Verbreitungskarte aus: Schönbrodt & Spretke (1989): Brutvogelatlas von Halle und Umgebung



Projekt: "Vögel in der Stadt" - Türkentaube

Angaben zur Türkentaube im Brutvogelatlas von Halle und Umgebung

Türkentaube Streptopelia decaocto

B C+D V BP
6 376 49,6 2300-2600

Die zierliche, graubräunliche Türkentaube mit dem schwarzen Halbmondzeichen im Nacken ist heute ein verbreiteter Brutvogel der Stadte und Dörfer. Von Südosteuropa kommend, breitete sich die Taube erst in den 40er Jahren dieses Jahrhunderts in unserem Territorium aus (Gnielka u. Wolter 1970). Am 28.8.1947 erbrachte Müller (1950) den ersten Nachweis; er sah zwei Türkentauben unweit vom Dorf Mücheln bei Wettin. Am 9. und 10.5.1950 wurde die erste Taube dieser Art in Halle notiert, in einem Villengarten in Kröllwitz (Klinz 1950). Das weitere, lavinenartige Anwachsen der Population ist in der Avifauna von Halle nachzulesen (Gnielka 1984). Für 1978 wird ein Maximalbestand von etwa 4200 Paaren nur im Stadtkreis Halle genannt! Die dann zu beobachtende Stagnation in der Bestandszunahme ging zu Beginn der 80er Jahre in einen deutlichen Rückgang über, der zur Zeit noch anhält. In den letzten 5 Jahren hat sich der Bestand etwa halbiert; Bsp. Südfriedhof: 1978 - 86, 1979 - 66, 1982 - 59, 1983 - 47, 1984 - 61, 1985 - 41, 1986 - 38 BP/24 ha (Gnielka). Die Einstellung von Freßfeinden auf die neue Art und ungünstige Witterungsbedingungen werden als Hauptursachen angesehen. Dennoch gehört sie zu den häufigen und sehr bekannten Vogelarten im menschlichen Siedlungsbereich.
Keine Rastereinheit in der Stadt und fast kein Saalkreisdorf beherbergt nicht wenigstens 1 bis 3 Paare. Am dichtesten brütet die Taube im Süden von Halle, begünstigt durch den Südfriedhof, Villengärten (4 bis 8 PB/10 ha) und städtische Bereiche mit hohem Baumanteil. Auch der nördliche Stadtrand mit aufgelockerter Bebauung, zahlreichen Siedlungsgärten und Grünanteilen (Gertraudenfriedhof 5 BP/10 ha, Zoo 6 bis 10 BP/10 ha) ist ebenso wie die Villenviertel in Kröllwitz gut besiedelt. Wenig günstige Lebensbedingungen scheint sie in Kleingartenanlagen zu finden. Im östlichen Saalkreis auf 50 ha nur 1 BP, im Nordosten der Stadt Halle auf 75 ha nur 2 BP (Gnielka). Die Baumhöhen sind dort zu niedrig. In Halle-Neustadt ist die Türkentaube erst durch die heranwachsenden Gehölze in den letzten Jahren stärker vertreten. Auch in einigen Städten und Gemeinden des Saalkreisen sind auf der Rasterkarte höhere Brutpaarzahlen erkennbar, z.B. Landberg, Löbejün, Salzmünde, Wettin, Niemberg und Teutschenthal. Die Futtersuche an Speichern, Stallanlagen oder individuelle Geflügelhaltungen ist typisch.
Gößere Waldkomplexe und auch Feldgehölze werden gemieden, wenn nicht wenigstens ein Grundstück oder eine Stallanlage angrenzt. Die Dölauer Heide ist durch Umbauung ranndlich hier und da besetzt, das Bergholz am Petersberg liegt völlig frei in der Flur und bleibt deshalb von dieser Taubenart unbewohnt. Nur 13 aller kartierten Vorkommen (ca. 0,5 %) wurden in Gehölzen festgestellt, die weiter als 500 m bis maximal 1000 m von menschlichen Bauwerken oder Siedlungen entfernt waren. Gebäudebruten kommen vor. In der Regel befindet sich das Nest in Bäumen 3 bis 6 m hoch, min. 1,2 m, max. 17 m (Gnielka u. Wolter 1970).
Die Verfolgung der Bestandsdynamik dieser Taubenart wird auch zukünftig ein interessantes Aufgabengebiet sein.



Angaben zur Türkentaube in der Avifauna von Halle und Umgebung

Türkentaube Streptopelia decaocto, Jahresvogel

Halle: 3500-6000 BP
Saalkreis: 150-600 BP

Bekanntlich hat dsich die Türkentaube in den Nachkriegsjahren explosionsartig von Ungarn her über Europa ausgebreitet. Sie fand in der Nähe des Menschen eine unbesetzte ökologische Nische, nämlich ganzjährig ein reichliches Nahrungsangebot bei geringem Feinddruck. Die Besiedlung unseres Gebietes vollzog sich vor den Augen der Vogelkundigen und ist gut dokumentiert (Gnielka und Wolter 1970). Noch ehe diese zierliche Taube im Stadtgebiet ansässig wurde, zeigte sie sich im Saalkreis. Erster nachweis: 2 Vögel am 28.81947 unweit des Dorfes Mücheln bei Wettin (Müller 1950). Von 1949 an brütete sie in Holleben (Rost 1953). In Halle ist die erste Türkentaube am 9. und 10.5.1950 in einem Villengarten in Kröllwitz gesehen worden (Klinz 1950). 1951 wurden 3 Vorkommen bekannt (Zoo, Karl-Liebknecht-Straße und Giebichenstein). Ein am 24.7.1951 in Holleben beringter Jungvogel ist am 1.5.1952 in Juniville, Nordfrankreich, wiedergefunden worden (Zink 1959). 1951 brüteten in Holleben bereits 4 Paare. Das benachbarte Angersdorf erwies sich 1952 als von mehreren Paaren besiedelt (Rost). In Halle erfolgte der erste Brutnachweis erst 1953: Nest in einer Kastanie, Karl-Liebknecht-Straße 20 (Gottschlich). In Halle-Ammendorf bemerkte Seifert die Taube zwar schon mehrfach im Sommer 1952; nach einem Nest hielt er aber vergeblich Ausschau. Ein zweiter Fernfund eines beringten Vogels fällt in jene Zeit und läßt die rasche Ausbreitung der Art durch ziellose Flüge vor allem junger Vögel erklärlich werden: Eine am 22.9.1951 nestjung in Jena beringte Türkentaube wurde am 13.1.1953 in Halle gefangen (Zink 1959). In den Folgejahren vermehrte sich die Population in Halle lavinenartig (Diagramm bei Gnielka und Wolter 1970). Nach Zählungen ließ sich 1968 der Bestand auf 485 Paare schätzen. Schwerpunkte der Besiedlung waren zunächst ältere Villenviertel im Norden der Stadt. Auf dem seit 1949 regelmäßig kontrollierten Südfriedhof stellte sich das erste Paar 1957 ein; dann verdoppelte sich im Durchschnitt alle 3,5 Jahre der Bestand (Gnielka 1981) und erreichte 1978 mit 86 Paaren (auf 24 ha Fläche) einen Höchstwert. nach hartem Winter waren hier 1979 nur noch 66 Paare ansässig, 1980 wieder 74. Auch im Stadtkreis gab es nach einem Maximalbestand 1978 (etwa 4200 Paare) einen spürbaren Rückgang im Folgejahr. So sank die Zahl der Brutpaare in den Straßenbäumen der Leninallee von 13/km auf 7/km. Hoher Schneee, Mangel an Streufutter und ein gehäuftes Auftreten des Sperbers in jenem Winter forderten zahlreiche Todesopfer unter den Tauben.
Im Saalkreis ist die Türkentaube aus fast allen Ortschaften gemeldet, z.B. aus Beesenstedt seit 1961, Hohenthurm seit 1962 und Rothenburg seit 1967. Ihr Bestand ist aber auffallend gering und schwankend. Als Ursache dafür wird vielfach der Mißbrauch von Luftgewehren genannt, die Lust am Schießen und Töten. Dagegen unterbindet in der Stadt das wachsame Auge der Öffentlichkeit solches Treiben, und Klagen über Luftgewehrschützen erreichen uns fast nur aus Randsiedlungen. In einigen Fällen wird als Alibi für die Verfolgung der Türkentaube ihr ungebetenes Erscheinen am Geflügelfutter angegeben. Aus Halle-Neustadt liegen erst seit 1971 einige Meldungen vor, die ein spärliches Vorkommen der Art in der Nähe des Passendorfer Gutshauses bezeugen. Das noch wenig entwickelte Großgrün zwischen den Wohnblocks bietet keine geeigneten Brutplätze. 1975 wurde ein Nest auf einem Lichtmast an der Gaststätte "Treff" gefunden (Titze).
Normalerweise brütet die Taube in Bäumen, zuweilen nur 4 m über belebten Straßen. Wo vorhanden, werden Nadelbäume bis in den Mai bevorzugt (Gnielka 1975b). Niedrigstes Nest: 1,2 m über der Saale im dichten Ufergebüsch am Trompeterfelsen: 14.4.1968 - 2 Eier; später gestört (Hoebel, Schmiedel). Größte Nesthöhe: mehrfach 17 m. Die gewählte Höhe für das Nest nimmt im Laufe der Saison zu (Gnielka 1975b). Bruten an Gebäuden spielen eine untergeordnete Rolle (im bebauten Stadtgebiet etwa 8 % der Nester). Eine früher geäußerte Vermutung, daß Gebäudebruten einen höheren Bruterfolg aufwiesen (Gnielka und Wolter 1970), beruhte auf zu geringem Material. Oft finden die Nester nicht den richtigen Halt und stürzen ab, andere werden von Anwohnern entfernt. Sie sind auch weniger gut gedeckt als die Nester in Bäumen; in zwei Fällen holte der Turmfalke die jungen Tauben. Bruten in Gehölzen bis 500 m vom nächsten Gebäude sind seltene Einzelfälle (Rabeninsel, Gnielka 1975b, Gnielka 1978a); ab 1970 einzelne Rufer bis 250 m tief in der südlichen und östlichen Randzone der Dölauer Heide; 1971 und 1974, Gehölz Goldberg, 300 m von einer Siedlung). In keinem Fall ist eine erfolgreiche Brut im Wald bekannt geworden. Der Feinddruck ist hier wesentlich größer als in der Stadt (siehe Amsel). Von einem Verwäldern der Türkentaube kann keine Rede sein.
Brutperiode: Legebeginn Ende Februar/ Anfang März - Mitte September, ausnahmsweise auch früher oder später (Gnielka 1975b). Winterbruten: 1. Ei am 17.12.1968 +/- 2 Tage, Platane auf geschütztem Innenhof, Sternstraße 13, 1 Jungvogel schlüpfte und starb kurz danach (Gnielka 1969a); 1. Ei am 3.1.1972, Futterhaus am Fenster, Innenhof Geseniusstraße 7, Gelege später verlassen; 1. Ei des Nachgeleges am 31.1., Eier später zerstört, erst im März eine erfolgreiche Brut (Rente).
Ansammlungen an ergiebigen Nahrungsquellen: Getreidespeicher Trotha bis 800 (25.12.1976), Silo Salzmünde bis 100 (14.1.1973), auf den Gleisen des Güterbahnhofs bis 150 (29.9.1970), Getreidetrocknung Benkendorf bis 1000 (20.3.1977), Entengehege Zoo Halle bis 300 (27.11.1964), Schwanenhaltung Gröbers bis 80 (8.12.1976), Hühnerfarm Brachwitzer Straße bis 120 (3.1.1960), Spreu Mühleninsel Böllberg bis 150 (14.11.1964), Hühnerhaltung Köllme bis 45 (6.3.1976), Futterstelle Südfriedhof bis 94 (17.12.1969). Nur 7 Meldungen betreffen 20 bis 270 Vögel, die auf Stoppelfeldern Nahrung suchten, davon in 5 Fällen auf Mais; Zeitspanne 9.10. - 6. 11., siehe auch Tauchnitz (1981).
Massenschlafplätze: Laubbaumreihe Kantstraße, seit 1966 bekannt, maximal 950 am 11.11.1977. Lindenhof Franckesche Stiftungen bis 85 (18.1.1965). Laubbäume am Verkehrsknotenpunkt Marx-Engels-Platz, seit 1967, maximal 150 am 7.12.1971. Südfriedhof, auf fichten, Lebensbäumen, Kiefern und auch Laubbaumen, maximal 600 im Januar 1977, im Sommer bis 500 (27,7,1977), vorzugsweise in Eichen (Gnielka 1981). Villengarten Lettiner Straße bis 250 (3.1.1961), Nahrungsflüge zu den 1,3 km entfernten Speichern. Hof Poliklinik Süd, 60 am 22.1.1971. Kieferngehölz Franzigmark bis 250 (19.1.1969). Erlenwäldchen Kläranlagen bis 80 (27.1.1974). Die Höchstzahlen an den Schlafplätzen werden im Mittwinter erreicht. Im Früh- und Spätwinter nächtigen viele Paare in ihren Revieren. Das Verhalten der Türkentauben an einem Schlafplatz in Holleben wird eingehend von Rost (1957) geschildert. Hier gaben die Vögel ihren Schlafbaum, eine Kastanie, nach einem Frosteinbruch Ende Januar auf, um auf Balken unter einem Kolonnadendach Schutz zu suchen.

Quelle: GNIELKA (1984): Avifauna von Halle und Umgebung.Teil 2. Wasservögel, Greifvögel, Hühnervögel, Tauben, Kuckuck, Eulen.Natur und Umwelt.Halle.1984.




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