Rauchschwalbe, Hirundo rustica, Barn Swallow, Halle, Stadtvogelkartierung, Ornithologischer Verein Halle
Rauchschwalbe sammelt Nistmaterial, Mai 2008, S. Walter

Verbreitung der Rauchschwalbe in Halle und Saalkreis 1983-1986
Verbreitung der Rauchschwalbe in Halle und Saalkreis als Ergebnis der Feinrasterkartierung 1983 - 1986

Verbreitungskarte aus: Schönbrodt & Spretke (1989): Brutvogelatlas von Halle und Umgebung



Projekt: "Vögel in der Stadt" - Rauchschwalbe

Angaben zur Rauchschwalbe im Brutvogelatlas von Halle und Umgebung

Rauchschwalbe Hirundo rustica

B C+D V BP
9 387 51,4 5900-6500

Die Rauchschwalbe siedelt als Kulturfolger in der Nähe des Menschen und gehört deshalb zu den bekanntesten Vogelarten. Bevorzugt nistet sie in ländlichen Sied-lungsgebieten, in der Nähe von Viehhaltungen und in Ställen mit landwirtschaftli-chen Nutztieren. Viele Brutplätze gingen durch die Konzentration der Tierhaltung in großen, allseitig geschlossenen Stallanlagen verloren. Allerdings finden die Schwalben in allen Dörfern Nistgelegenheit, so auch in Wohnhäusern, Werkstatt- und Stallgebäuden, selbst wenn Letztere nicht mehr für Tiere genutzt werden. Zahlreich vorkommende Fluginsekten und die Nähe von stehenden Gewässern scheinen die Brutdichte positiv zu beeinflussen. Die Brutvorkommen im Stadtgebiet waren schon immer spärlich und am ehesten in den Randgebieten zu erwarten. Auch die Stadtvorkommen sind oft mit der Haltung von Nutztieren in Verbindung zu bringen, aber nicht allein davon abhängig. So finden sich neue und nahezu im gesamten Stadtgebiet verstreute Brutplätze der Rauchschwalbe in Treppenhäusern, Hausdurchgängen, Industriegebäuden, Lager- und Fertigungshallen. In den Neubaugebieten Halle-Neustadt und Silberhöhe brütet die Rauchschwalbe gelegentlich unter Balkonen und in Hauseingängen, z.T. mehlschwalbenähnlich an den Neubaublocks, wie z.B. im Eingangsbereich des Centrum-Warenhauses in der Mansfelder Straße. Halle-Neustadt ist mit 3-10 BP/km² besiedelt. Entscheidend für die Brutverbreitung dieser Schwalbe ist das Nistplatzangebot, welches nur durch defekte oder offene Fenster und Türen sowie geeignete Nistunterlagen gesichert ist. Gelegentlich brüten Schwalben in einzeln stehenden Bauwerken.

Großflächig kommen im Untersuchungsgebiet 7,7-8,4 BP/km² vor. Der Brutbestand ist deutlich rückläufig und beträgt nur noch 50% des in der Avifauna von Halle und Umgebung (SPRETKE in GNIELKA 1983) angegebenen Maximalbestandes, der aber auch für das Ende der 1970er Jahre etwas zu hoch abgeschätzt sein kann. Brutbestände lassen sich durch Zählen der Nester genau ermitteln, doch liefern auch mehrmalige Zählungen der nach Nahrung jagenden Schwalben von Mai bis Juli brauchbare Ergebnisse. Dadurch werden Schwalbenbestände aber eher zu gering abgeschätzt, so daß die Brutpaarzahl näher an der oberen Grenze der genannten Spanne vermutet wird.

Ungünstige Wetterlagen, wie kaltes, regnerisches Wetter zur Brutzeit oder vorzeitige Kälteeinbrüche im Herbst, könne die Brutbestände durch Nahrungsverknappung negativ beeinflussen. Es treten Verluste an Jungvögeln auf, oder ein Teil der Schwalben schafft den Herbstzug nach Zentralafrika nicht. Solche "Schwalbenkatastrophen" treten in großen Abständen auf und verringern den Schwalbenbestand im Folgejahr. Diese Verluste werden auch ohne menschliche Hilfe in 2-3 Jahren wieder ausgeglichen.



Angaben zur Rauchschwalbe in der Avifauna von Halle und Umgebung

Rauchschwalbe Hirundo rustica, Sommervogel

Halle: 600-2000 BP
Saalkreis: 3000-10000 BP

Im Stadtkreis besiedelt sie heute fast ausschließlich die ländlichen Randgebiete und Gebäude entlang der Saale. Innerstädtische Brutplätze sind oft an Tierhaltungen gebunden. So war bis vor kurzem die Tierklinik in der Emil-Abderhalden-Straße ein traditioneller Nistplatz. Im Zoo brüten 3-4 Paare (SPRETKE 1973). Die Aufgabe zahlreicher Brutplätze in der Nähe des Stadtkerns wird mit dem Verschwinden des Pferdes als Zugtier in Verbindung gebracht. 1960 brüteten die Rauchschwalben an 4 Torfahrten des Steinwegs (Nr. 2, 3, 4, 7), 1963 noch in einer (Nr. 25). 1961 nisteten z.B. 2 Paare im Weidenplan Nr. 20, im Hausflur der Mittelstraße 11/13, in der Schmeerstraße 1 in einer Toilette, in der Thüringer Straße. Noch 1964 baute ein Paar sein Nest im Haus Alter Markt 33, und 1965 blieb ein Paar seinem langjährigen Brutplatz im ehemaligen Pferdestall der Stadtreinigung in der Großen Wallstraße treu. Weitere Stadtbruten gibt KUCKELT (1954) an. Der allgemeine Rückgang ist aber nicht allein durch Aufgabe von Tierhaltungen zu erklären, auch nicht durch den Abriß von Altbauten (Hallorenviertel 1966, Glaucha 1979), in denen die Schwalbe verbreitet nistete.

Positiven Einfluss auf die Schwalbenstatistik haben die nicht wenigen Bruten in Industriebetrieben, wo ständig geöffnete oder defekte Fenster den Einflug in die Innenräume ermöglichen. Beispiele: Lackfabrik Nietleben: 1959 – 5 BP (Tauchnitz); Plastwerk Böllberger Weg: 1964 – 15 Nester (Tauchnitz); Brauerrei Böllberg: 1973 – 8 Nester (Altner); Röhrenwerk Böllberger Weg: 1961 – 3 BP (Schmoll).

Von 1972 an sind Bruten in Halle-Neustadt bekannt, wo die Schwalbe heute vereinzelt auf Balkons und unter Eingangsüberdachungen brütet.

Im Saalkreis ist sie eine typische Bewohnerin von Stallanlagen, auch in Großställen, falls für den Nestbau geeignete Unterlagen existieren. So waren in den Gutsställen von Krosigk jährlich ca. 50 Nester auf Eisenstangen aufgesetzt (NEUBAUR 1909). Der Übergang zu industriemäßigen Produktionsmethoden in der Landwirtschaft führte zur Aufgabe der vielen kleinen Ställe und zum Bau allseitig geschlossener großer Stallanlagen, wodurch der Rauchschwalbenbestand in den Dörfern zurückging.

Der Ankunft des volkstümlichen Frühlingsboten wurde von jeher große Aufmerksamkeit geschenkt. Früheste Erstbeobachtung: 26.3.1974, Saaleaue-Kanal (Block); Märzbeobachtungen aus 5 weiteren Jahren. Im Mittel (1951/79) zeigte sich die erste Schwalbe am 5.4., spätestens am 17.4., aber die Masse unserer Brutvögel ist erst Ende April heimgekehrt, und manche stellen sich erst im Mai an ihren Brutplätzen ein. Noch am 2.5.1973 nächtigten 600 Schwalben im Schilf bei Gröbers, Vögel, die noch nicht zu ihren Brutstätten gefunden hatten. Die frühesten Beobachtungen betreffen meist Vögel, die über Teichen jagten. Bei naßkalter Witterung kommt es auch im Mai und selbst im Juni zu Konzentrationen über Gewässern, z.B.: 30.5.1975 – 450 über dem Hufeisensee (Hallmann).; 12.6.1958 – zahlreich über den Mötzlicher Teichen, sehr kalt (Gnielka); 29.6.1962 – 200, Mötzlicher Teiche (Liedel). Feuchtkühles Wetter führte auch auf dem Südfriedhof zu ungewöhnlichen Konzentrationen, so am 12.6.1967, als 40 Schwalben in engen Kreisen unter Bergahornen schwärmende Blattläuse erbeuteten (GNIELKA 1981). Sogar im Auwald stellten sich bei Nahrungsmangel Rauchschwalben ein, um zwischen den Bäumen zu jagen.

In der Regel brüten unsere Rauchschwalben 2mal im Jahr; die Jungen der 1. Brut fliegen zwischen dem 22.6. und 20.7. aus, die der 2. Brut Mitte bis Ende August. Am 12.9.1903 enthielt ein Nest in Krosigk noch Junge (NEUBAUR 1908), und am 15.9.1974 gab es in Rattmannsdorf noch Nester mit Jungen (Gnielka). Ab Mitte August sammeln sich die Schwalben vor dem Wegzug: 19.8.1965 – 2000 am Burgholz (Jaworowski); 12.9.1970 – 1000 über der Saale, Brachwitz/Lettin (Schmiedel), 7.10.1956 – 200, Saale am Bunawerk (Schniggenfittig). Sie suchen zu dieser Zeit in großer Zahl Schlafplätze im Schilf auf: 2000 am 17.8.1964, Kläranlage; 8000 am 30.8.1971 bei Angersdorf; 500 am 25.9.1976 bei Döllnitz; 250 am 14.9.1960, Dieskauer Teiche. Nach dem 10.9. fallen lockere Gruppen von Rauchschwalben auf, die in Bodennähe zügig nach SW fliegen und dabei gelegentlich Fluginsekten aufnehmen. Die Masse zieht zwischen dem 20.9. und 10.10. ab (TAUCHNITZ i.Dr.). Die Letztbeobachtungen fallen meist in die 3. Oktoberdekade. 1974 verhinderte naßkalte Witterung im Spätsommer, daß die Schwalben rechtzeitig in Zugdisposition kamen. So hielten sich am 13.10. noch 1000 Schwalben bei Zaschwitz auf (Wischhof). Am 11.11. jagten noch 40 über der ratswiese nahe der Rabeninsel (Block); am 17.11. zeigten sich noch einige bei Dieskau, Böllberg und Nietleben, am 22.11. noch eine bei Kanena (Hallmann). Eine Schwalbe, die am 23.12. ohne Schwächeerscheinungen in der Burgstraße flog, trug einen roten Ring (Hallmann) und ist offensichtlich zeitweise in menschlicher Obhut gewesen.

T. Spretke

Quelle: SPRETKE, T. In: GNIELKA (1983): Avifauna von Halle und Umgebung.Teil 1. Singvögel, Ziegenmelker, Segler, Rackenartige, Spechte.Natur und Umwelt.Halle.1983.




zum Anfang